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Electrosuisse
Produktion

Wie sich die Lücke schliessen lässt

Schweizerischer Stromkongress 2026 – 15./16. Januar 2026

30.01.2026
Bild: Romeo Basler

Im Kursaal Bern lautete das diesjährige Stromkongress-Motto «Mind the Gap». | Bild: Romeo Basler

Radomír Novotný

ist Chefredaktor des Bulletin.ch.

  • Electrosuisse
    8320 Fehraltorf
  • E-Mail

Nach der Eröffnung des 19. Stromkongresses durch den Präsidenten von Electrosuisse, Dieter Reichelt, ging es im Einstiegsreferat von VSE-Präsident Martin Schwab ums Thema «Gemeinsam Brücken bauen». Er stellte den Stromversorgungsindex vor, der eine Standortbestimmung des Stromsystems ermöglicht. Das Ziel ist die Darstellung der Situation in einer einzigen Zahl unter Berücksichtigung der relevanten Faktoren. 

Gemäss der VSE-Studie liegt der Index bei 69% – bei 100% wäre die Stromversorgung in 2050 auf nachhaltige Weise sichergestellt. Es gibt also Nachholbedarf: bei der Stromproduktion, beim Ausbau der Netze, aber auch im Kontext des Europäischen Netzes. Der VSE unterstützt das Stromabkommen der Bilateralen 3, aber die Umsetzung sollte möglichst einfach und unbürokratisch sein. Martin Schwab lud die Branche ein, dynamische Tarife einzuführen, bei denen das Preissignal automatisch verarbeitet wird. «Es wird ein langwieriger Prozess sein, bis es flächen­deckend eingeführt ist. Aber irgendwann müssen wir starten», so Schwab. 

Die Bereichsleiterin Energie beim VSE, Nadine Brauchli, stellte anschliessend den Stromversorgungsindex detaillierter vor. Er soll künftig regelmässig erhoben werden, um aufzuzeigen, wie sich politische Entscheidungen auf die Stromversorgung auswirken. Die Nachfrage wird wegen der Elektromobilität, neuer Rechenzentren und der Elektrifizierung der Wärmebereitstellung steigen. Gemäss der Prognose wird der Ausbau der Produktion, die den Winterbedarf abdeckt, verfehlt. Von den Grossprojekten bis 2050 wird nicht genügend Winterstrom bereitgestellt. Wasserkraftwerke könnten die Situation entschärfen, und der PV-Ausbau sollte auf maximale Winterproduktion ausgerichtet sein. Wegen der ungenügenden Akzeptanz werden die Ziele vor allem bei der Windkraft verfehlt. Hier sind die grössten Anstrengungen gefragt. Auch bei den alpinen Solaranlagen lief es nicht wie erhofft: Ende 2025 ist ihre Frist abgelaufen, und nur etwa die Hälfte der initiierten Projekte wird fertiggestellt. Deshalb wird Flexibilität künftig an Bedeutung gewinnen. 

Die grösste Herausforderung sind saisonale Speicher, weil die technische Umsetzbarkeit und die Wirtschaftlichkeit fehlen. Für Projekte, die nicht umgesetzt werden, müssen Alternativen gefunden werden. Ab 2045 braucht es rund 50% zusätzliche Produktion im Winter. Der Indikator für das Netz liegt im Jahr 2050 bei 57 Punkten, der Subindikator Verfügbarkeit der Grenzkapazitäten ohne Stromabkommen bei 41 Punkten. Beim Ausbau des Übertragungsnetzes geht es auch nicht planmässig voran. Nadine Brauchlis Fazit: «Wir brauchen zeitnah eine gesellschaftlich tragfähige Lösung.» Denn grundsätzlich sei keiner der fünf Indikatoren, die den Index bilden, auf Kurs. Brauchli appellierte für eine Fokussierung der Förderung auf die Winterproduktion sowie für die Verabschiedung des Stromabkommens mit der EU. 

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Nadine Brauchli erläuterte den Stromversorgungsindex des VSE. | Bild: Romeo Basler

Die europäische Situation

Die französische Perspektive brachte Bernard Fontana, CEO Electricite de France Gruppe, ins Spiel. Anhand einer Grafik erläuterte er die Beschleunigung der Elektrifizierung in allen Sektoren (Verkehr, Bauwesen und Industrie) und wies darauf hin, dass verglichen mit Europa und den USA die Elektrifizierung in China viel schneller ist. Um 2010 lag sie dort noch unter 20%, heute liegt sie bei 30%, während Europa und die USA nur etwas mehr als 20% erreichen – obwohl sie früher bezüglich Elektrifizierung viel weiter waren als China. Er wünschte sich günstige Investitionsbedingungen für alle Arten der CO2-freien Stromerzeugung und plädierte für eine Stärkung der Netze und Ausbau der Flexibilität, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen. 

Remigiusz Warzywoda, stellvertretender Direktor für internationale Zusammenarbeit des polnischen Netzbetreibers PSE SA und Vorstandsmitglied ENTSO-E, erläuterte die Synchronisierung der baltischen Staaten mit Kontinentaleuropa, wodurch eines der grössten synchronisierten Systeme weltweit entstanden ist. Motiviert durch die geopolitische Lage wechselte das Baltikum vom russischen Stromsystem, mit dem über ein Dutzend Übertragungsverbindungen bestanden, zu einer einzigen Verbindung mit Europa. Das Projekt, das durch die Covid-Pandemie und durch die daraus entstandenen Lieferverzögerungen gebremst und dann durch den Krieg in der Ukraine beschleunigt wurde, konnte Ende 2025 abgeschlossen werden. 

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Remigiusz Warzywoda beschrieb den Anschluss der baltischen Staaten an Kontinentaleuropa. | Bild: Romeo Basler

Divergierende Meinungen

Eine unterhaltsame Podiumsdiskussion folgte, bei der Gründe gegen das Stromabkommen durch SP-Nationalrat Benoît Gaillard und SVP-Nationalrat Christian Imark aufgeführt wurden. Die Voten für das Abkommen präsentierten FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher, Swissmem-Vize­direktor Jean-Philippe Kohl sowie Axpo-CEO Christoph Brand. 

Kooperation als Schlüssel zur Effizienz

Den zweiten Tag eröffnete Michael Strugl, Vorstandsvorsitzender Verbund AG und Präsident des Verbands Österreich Energie. Er erläuterte die österreichische Situation bei der Stromversorgung und ging auf Kooperationsmöglichkeiten beim grenzüberschreitenden Stromaustausch zwischen der Schweiz und Österreich ein. Dann holte er weiter aus: «Energie hat eigentlich einen globalen Kontext.» In der neuen Weltordnung dominieren die USA, Europa und China. Europa importiert Energie, die USA exportiert Gas, und China setzt hauptsächlich auf Kohle und erneuerbare Energien. Dieses Kräftespiel wirkt sich auf die Energiemärkte und -preise aus. Aber eigentlich, so Strugl, hätte Europa die Kraft und Ressourcen, um auf eigenen Beinen zu stehen. In Österreich wird rund 40 % des Gesamtenergieverbrauchs erneuerbar abgedeckt, hauptsächlich mit Wasserkraft. 

Er erläuterte auch die Fragmentierung des europäischen Binnenmarkts wegen fehlender Netzkapazitäten. Bei Netzengpässen werden die Zonen entkoppelt, und es entstehen Preisunterschiede. Im Oktober 2025 war die Differenz zwischen Deutschland und Österreich besonders gross, was zu einem Preisnachteil für die österreichische Industrie führte. Für einheitlichere und tiefere Preise müssen die Netze auch grenzüberschreitend verbessert werden. Strugl betonte: «Der Strom folgt der Physik, und nicht einer Ideologie», und plädierte für Investitionen in inländische Stromerzeugung, um das Land unabhängig von Importen sicher zu versorgen. Wie in der Schweiz ist in Österreich die Wasserkraft nahezu grundlastfähig, und die PV wächst anteilsmässig am meisten. Der grosse Unterschied ist die Windkraft. Österreich profitiert im Winter vom Wind, weil die Wasserkraft dann weniger produziert. Ohne Windkraft wären deutlich grössere Flexibilitäten nötig. 

Michael Strugls abschliessendes Votum galt der europäischen Zusammenarbeit, die Portfolioeffekte schafft – sowohl im Strommarkt, auf den Regelenergiemärkten als auch auf dem Kapazitätsmarkt. Eine Koordination der Kapazitätsmärkte könnte allen Beteiligten Kostenersparnisse bringen, denn der Residualflexibilitätsbedarf halbiert sich durch die Kooperation. Die Energiewende wird dadurch günstiger. 

Regulationsdichte als Ballast

Im Podium mit Cristina Pastoriza (Leiterin Innovation SIG), Michael Gruber (CEO Energie Thun) und Martin Pflugshaupt (Geschäftsführer Energie Gossau und Pflugshaupt Engineering) wurden Erfahrungen aus der Praxis nach einem Jahr Stromgesetz diskutiert. Das Fazit der Runde: Die Regulationsdichte hat enorme Ausmasse angenommen. Die Annahme des Stromgesetzes brachte über 372 Bestimmungen. Der entsprechende administrative Aufwand bindet Ressourcen und ist ineffizient. Man musste lernen, mit dieser Flut umzugehen. Dabei stellten die Gesprächspartner fest, dass viele Optionen gar nicht nachgefragt werden. Bei den dynamischen Tarifen hofft man, nicht nur die Freaks abzuholen, sondern möglichst viele Kunden dafür zu motivieren. 

Michael Lehning, Professor am Labor für Kryosphärenwissenschaften der EPFL, erläuterte, wie die Winterlücke gestopft werden könnte. Wenn Wind- und Solaranlagen an den richtigen Orten installiert werden, lässt sich der Import übers Jahr praktisch eliminieren. Dabei müssen die Wasserkraftwerke so betrieben werden, dass sie dem System am besten dienen. Eine gute Wetterprognose reduziert zudem die Importspitzen stark. Insgesamt sei die Schweiz in einer guten Lage, Sonne und Wind ins System einzubinden. 

Mit Flexibilitäten Stabilität erreichen

Als die neue Währung des Energiesystems bezeichnete anschliessend Robert Itschner, CEO BKW, die intelligente Flexibilität. Diese hilft, das volatiler werdende Energiesystem zu stabilisieren. Dazu möchte die BKW bis 2030 600  MW Flexibilität zubauen. Pooling ist dabei auch ein wichtiges Thema, denn es ermöglicht die Einbindung von Kleinstanlagen. Die BKW generiert zudem Flexibilität mit Laufkraftwerken für den Dienstleistungsmarkt. Zeitnahe Preissignale über alle Netzhierarchien werden künftig zentral sein, um das Netzsystem zu steuern. 

Die Entwicklungen an den Kapitalmärkten im Energiebereich erläuterte Steffen Pleser, Global Head of Power & Utilities bei UBS. Die europäische Situation unterscheidet sich von der in den Vereinigten Staaten. Aus Kapitalmarktsicht kommt der Sektor der Netzbetreiber in eine Wachstumsphase und wird immense Investitionen in die Stromnetze einbringen. Der Markt braucht dazu den richtigen Rahmen und Stabilität für Investitionen, ist aber bereit, zu investieren. 

Der Stromkongress wurde durch Benoît Revaz BFE auf kompetente Weise abgerundet, der den krankheitshalber verhinderten Bundesrat Albert Rösti vertrat. Es hat ihn gefreut, dass nicht nur das Thema Produktion diskutiert wurde, sondern auch die zunehmend wichtiger werdenden Themen Flexibilität und Demand Side Management. Er schloss mit den Worten: «Das Zeitalter der Elektrizität ist angekommen – eine Super-Nachricht für alle Vertreter in diesem Saal. Wir sind aber auch alle in der Pflicht, unseren Beitrag zu leisten.» 

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