Viele Ansätze, aber kein Patentrezept
Schweizerischer Stromkongress 2018
Quo vadis, Strombranche? Auch am 12. Schweizerischen Stromkongress vom 15. und 16. Januar in Bern stand die zentrale Frage nach der Zukunft der Branche im Zentrum. Und auch am Stromkongress gab es zwar keine allgemein gültige Antwort darauf, aber immerhin diverse Ansätze, wie die Zukunft aussehen könnte. Hochkarätige Referenten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zeigten den rund 400 Gästen dabei Lösungsansätze auf oder zumindest Gründe, warum bei gewissen Aspekten nur kleine Fortschritte erzielt werden.
«Die Versorgungssicherheit ist bis 2035 gewährleistet»
Grosse Aufmerksamkeit genoss in Bern Energieministerin Doris Leuthard. In ihrem Keynote-Referat kam die Bundesrätin zum Schluss, dass das vergangene Jahr politisch erfolgreich verlaufen sei. Sie bezog sich dabei nicht nur auf die Energiestrategie 2050, welche das Volk im Mai angenommen hatte und die seit Anfang dieses Jahres umgesetzt wird, sondern auch auf die Verabschiedung der Strategie Stromnetze durch das Parlament, denn «die Stromnetze sind ein wichtiges Puzzlestück für die Versorgungssicherheit». Auf absehbare Zeit habe die Schweiz denn auch kein Problem mit der Versorgungssicherheit: «Im heutigen Marktmodell ist die Versorgungssicherheit in der Schweiz bis 2035 gewährleistet.» Langfristig funktioniere sie aber nur marktorientiert und gemeinsam mit den Nachbarländern, was den Zugang zum internationalen Strommarkt voraussetze.
Bezüglich der Neugestaltung der Wasserzinsen stellte Doris Leuthard in Aussicht, dass der Bundesrat bald über den Inhalt der Botschaft entscheiden und diese dem Parlament noch vor dem Sommer vorlegen werde. Die Magistratin mahnte die Verhandlungspartner, dass Extrempositionen in dieser Frage nicht vereinbar seien. «Es ist selbstverständlich, dass man für etwas bezahlt, das man nutzt. Aber wenn Sie auf Ihren Maximalpositionen beharren, wird es nicht klappen», appellierte sie an die Anwesenden. «Sie sind gescheite Köpfe. Stellen Sie sich dem Wandel und betrachten Sie ihn als Chance.»
«Keine parallele Stromwelt»
VSE-Präsident Michael Wider betonte in seiner Rede, dass der europäische Strommarkt derzeit ein sehr heterogenes und reguliertes Gebilde sei: «Die Preisbildung auf dem europäischen Markt ist sehr stark geprägt von Lenkungsmechanismen, von den tiefgehaltenen CO2-Preisen, von den tiefen Preisen fossiler Energieträger selber, von den eindrücklichen Subventionen und den erschaffenen Überkapazitäten.» Folgende Veränderungen würden in Zukunft das Geschäft der Elektrizitätsversorgungsunternehmen prägen: «Wir werden konfrontiert sein mit einem breiteren und weniger beeinflussbaren Produktionsmix, mit smarteren Übertragungs- und Speichertechnologien sowie mit anspruchsvollen Konsumenten beziehungsweise Prosumern, bei welchen eine fast unbeschränkte Informationsfülle vorhanden ist.» Dennoch werde es auch die bestehende Stromwelt mit ihrer zentralen Erzeugungs- und Produktionsinfrastruktur noch lange brauchen. «Zwar wird die Anzahl ‹Gebrauchsstunden› kleiner werden, aber die Zuverlässigkeit der Anlagen wird dafür umso wichtiger», so der VSE-Präsident. Die Verflechtung mit den neuen, dezentralen Erzeugungsstrukturen sei von hoher Bedeutung, auch aus Kundensicht: «Wir sollten uns jedenfalls nicht zwei parallele Stromwelten leisten, wie das in Deutschland der Fall ist.» Dadurch habe sich der Strom dort von 13 ct/kWh (im Jahr 2000) auf heute 29 ct verteuert.
Die Schweiz und die EU können voneinander profitieren
Klaus-Dieter Borchardt, Direktor des Bereichs Energiebinnenmarkt der Europäischen Kommission, betonte, dass die EU die Schweiz als Schlüsselpartnerin im Bereich Strom betrachte. Dank der Wasserkraft würde sie nämlich durchaus von einer stärkeren Integration in das europäische Stromnetz profitieren. «Die Schweiz könnte so jene Rolle für etliche EU-Staaten einnehmen, welche Norwegen dank seiner Wasserkraft für Schweden und Dänemark hat.» Die Integration in das europäische Stromnetz habe auch finanzielle Vorteile, «denn die Schweiz kann dann auf verlässliche Zufuhren aus Nachbarländern zählen und muss nicht unter Druck Strom beschaffen».
Klaus-Dieter Borchardt machte aber auch deutlich, dass der Status quo nicht überdauern werde. Bereits die Brexit-Verhandlungen stellten diesen auf eine harte Probe. «Kommt es zu einem harten Brexit, hat das auch Auswirkungen auf die Schweiz, weil die EU Drittländer gleich behandeln muss. Wir sollten daher genuin bemüht sein, das Stromabkommen, das ja schon weit vorangeschritten ist, auch zu realisieren.»
Und die Wasserkraft?
Was Hannes Weigt, Associate Professor für Energieökonomie an der Universität Basel, den Anwesenden anschliessend erzählte, dürfte den wenigsten gefallen haben. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Energiewende» hatte er eine Studie zur Rolle der Wasserkraft in der Energiestrategie 2050 durchgeführt. Und aufgrund der Resultate dieser Studie sei es im Moment zumindest fraglich, ob die Wasserkraft die ihr in der ES 2050 zugedachte Rolle tatsächlich wahrnehmen könne.
Mit dem Schweizer Wasser lasse sich trefflich Machtpolitik betreiben, und zwar unabhängig davon, ob es als Energieträger oder als Lebensgrundlage genutzt werde, resümierte Albert A. Stahel, Leiter des Instituts für Strategische Studien, schliesslich. Zuvor hatte er aufgezeigt, warum Geopolitik immer auch Energiepolitik und vice versa ist.